Johannes Schöllhorn (1962)

Niemandsland (2009)

pour ensemble

  • Informations générales
    • Date de composition : 2009
    • Durée : 19 mn

Information sur la création

  • 9 October 2009, Allemagne, Berlin, Konzerthaus, grande salle, par l'Ensemble Modern, direction : Johannes Kalitzke.

Note de programme

Wir lassen den Blick über eine ungeheuerliche Fassade, ein Stadt-Theater immensen Ausmaßes kreisen, an der Südspitze von Kowloon nahe dem Star Ferry Pier in Hongkong stehend, einmal ganz herum, 360°, einen Tag und eine Nacht lang werfen wir unseren kreisenden, spiralartigen Blick, den die Musik wiederzugeben versucht, auf diese immer blendende, atemberaubende Fassade, welche die sie ökonomisch abstützenden, extrem tristen Hinterhöfe der Stadt verbirgt, hören auf ihren Klang, beginnen am frühen Morgen und blicken nach Osten auf die zahllosen Wohntürme hinter North Point, erreichen mit der Dämmerung Hongkong Island und unser Blick wandert von Happy Valley über Wan Chai, schließlich am Mittag nach Central und später nach Chai Wan, den Zentren des elektrisierten Konsums und eines betörend geschichtslosen und immer schnellen Jetzt, dessen höchster Punkt bezeichnenderweise The Peak heißt, erahnen übers Meer den neuen Flughafen und auf der anderen Seite des Deltas Macau, beobachten im Hafen die von und auf die Schiffe schwebenden Container, getaucht ins Nachmittagslicht davor die Riesenbaustelle das Elements Building, auf dem in Schwindel erregender Höhe die Handwerker ihre Bambusgerüste, die wie Pflanzenbewuchs aussehen, wachsen lassen, schräg dahinter in der Dämmerung die ehemaligen Produktionshallen für Made in Hongkong, das jetzt Made in China heißt und hinter den Hügeln in den Fabriken der sich anschließenden Riesenstädte Shenzhen und Guangzhou in Tag- und Nacht-Schicht in schier endloser Mechanik produziert, nach Hongkong verladen und in alle Welt verschickt wird, und in der Dunkelheit kehren wir allmählich zum Ausgangspunkt zurück, unser Blick weitet sich zugleich und wir ahnen den riesenhaften Kontinent China, an dessen Südspitze Hongkong liegt, dessen Tor nach innen und außen es ist, zu dem es gehört und ebenso auch nicht, nahezu rundherum von Wasser, über das die Gründer Hongkongs kamen, umgeben, dieses an der Südspitze Chinas gestrandete Niemandsland, geographisch und historisch eine nomadische Riesenstadt, die uns lärmend blendet und gleichzeitig immer in der Gefahr ist sich so rasch, wie sie entstand, zu verflüchtigen und wieder zu dem Fischerdorf zu werden, welches sie vor nicht einmal zweihundert Jahren war.

Johannes Schöllhorn.