Enno Poppe (1969)

Rad (2003)

pour deux claviers
[Roue]

  • Informations générales
    • Date de composition : 2003
    • Durée : 21 mn
    • Éditeur : Ricordi, Munich, nº Sy. 3575
Effectif détaillé
  • 2 autres claviers [non précisés]

Information sur la création

  • 18 October 2003, Allemagne, Donaueschingen.

Note de programme

Das Rad neu erfinden: Urbild künstlerischer Sehnsucht. Das Aufspüren von Mechanismen, die unhinterfragt funktionieren – und keineswegs immer leer sind -, ist nur der Anfang. Analyse ist nicht hinreichend, denn Kunst stellt Dinge her. Das Rad neu erfinden: Sinnbild der Vergeblichkeit? Oder eine Hoffnung: im Misstrauen gegen das, was alle zu wissen glauben.

Rad: ein Stück, zugleich improvisatorisch und strukturell komplex. Die Freiheit im Umgang mit vorgeformten Bausteinen und die Biegsamkeit der Bausteine selbst sind das Zentrum. Die Erfindung von Figuren aus der Spielhandlung einerseits, die Erfindung von Gesetzmäßigkeiten von Abfolgen andererseits bringen ein Netz von Beziehungen hervor. Komplex ist nicht ein Ereignis selbst, sondern die Vielzahl von Bezugsgrößen.

Das Stück ist eine Art systematischer Zusammenfassung meiner jahrelangen Arbeit mit Mikrointervallen. Es sind insgesamt hundert verschiedene Skalen verfügbar, von denen manche nur für wenige Sekunden verwendet werden. Das ständige Umstimmen macht einen nahezu unerschöpflichen Tonvorrat möglich. Zur Typologie der Skalen gehören:

- temperierte Skalen mit Schrittgrößen zwischen 1,66 und 0,1 Halbtönen, darunter auch Skalen wie die mit 0,96-Halbtönen, die keine Oktaven enthalten;

- Skalen mit gleichen Frequenzabständen, die nach oben immer enger werden (Spektralausschnitte);

- Akkordfolgen;

- Kombinationen verschiedener Skalen, so dass jeder Taste mehrere Noten zugeordnet sind.

Die Harmonik ist entscheidend geprägt von einem Objekt, das zu den angeschlagenen Tönen die Summen- und Differenzfrequenzen bildet. Die Anzahl der klingenden Töne wächst hierbei im Quadrat zu den angeschlagenen Tasten, ein mit allen Fingern gespielter zehntöniger Akkord erzeugt also hundert Töne.

Als Klangmaterial werden ausschließlich Klavierklänge verwendet. Ich sehe mich in einer Traditionslinie von Komponisten, die das Klavier als Modellinstrument und Klaviermusik als Fundus musikalischer Prototypen gesehen haben. Andererseits tritt eine doppelte Entfremdung ein: Den Interpreten wird durch ständigen Wechsel der Tastaturbelegung die Sicherheit entzogen zu wissen, welcher Ton beim Anschlagen einer Taste erklingen wird. Und durch den Verzicht auf die zwölftönige temperierte Stimmung sowie durch die zeitweilige extreme Vielstimmigkeit wird ein Klang erzeugt, der nur noch entfernt an Klaviere erinnert.

Rad: mechanische, kreisförmige Bewegung. Die Bremse wurde später erfunden.

Enno Poppe.